„Wo Bildung gelingen soll und was wir dafür tun müssen!"Ein Interview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach

 

Herr Kurtenbach, Sie sind im Rheinischen Revier aufgewachsen. Wenn Sie heute die Region besuchen, können Sie den Strukturwandel bereits spüren und woran machen Sie das fest?
Ja und nein. Ja, denn Orte wie Elsdorf-Tanneck, die ich noch aus meiner Jugend kenne, sind dem Tagebau gewichen und neue Infrastrukturen sind entstanden, wie die Verlegung der Autobahn 4 zwischen Kerpen und Düren. Hieran erkennt man zumindest Dynamiken. Nein, zumindest in Bezug darauf, dass es vielerorts gutbezahlte Arbeitsplätze gäbe, die durch gute Bildung in der Region für Menschen aus der Region erschlossen würden. Da sehe ich noch wenige Fortschritte. Natürlich gibt es das partiell, beispielsweise im Gewerbegebiet in Kerpen-Sindorf oder rund um die RWTH Aachen. Doch auch für das Rheinische Revier gilt: die Bildungschancen sind ungleich verteilt und hängen noch zu stark vom Bildungshintergrund der Eltern ab. Es wandelt sich auf kurz oder lang die wirtschaftliche Struktur im Rheinischen Revier, aber noch nicht in Einklang mit den Menschen vor Ort. Solange dieser Zusammenhang nicht ernsthaft angegangen wird, sehe ich keinen tiefgreifenden Strukturwandel für die Menschen vor Ort. Investitionen in die nächste Generation werden zumindest öffentlich nicht in gleicher Weise betont werden, wie Wirtschaftsinteressen.

Sie haben in ihrem Vortrag im Rahmen des ersten Themensalons davon gesprochen, "einen klaren Kopf zu bewahren". Was genau meinen Sie damit?
Die Erfahrungen aus dem Ruhrgebiet zeigen, dass Strukturwandel hochgradig emotional besetzt ist und mit Symbolen aufgeladen wird. Das hilft aber für eine gestaltende Politik wenig weiter. Auch das Rheinische Revier wird nicht untergehen und ob es eine Konkurrenz zum Silicon Valley wird, ist nicht gerade gewiss. Beides muss aber auch nicht sein. Besser ist es sich nicht in eine Rhetorik und Symbolpolitik zu verrennen, welche für die Region selbst nicht passend ist. Daher plädiere ich für ein gewisses Maß an Pragmatismus und einer Orientierung an den Chancen der nachkommenden Generationen, mit einem klaren Blick auf gute Bildungschancen und das Versprechen auf Teilhabe durch Bildung und Arbeit, unabhängig vom Elternhaus. Eine wirtschaftsstarke und zugleich sozial und ökologisch nachhaltige Region, die vielleicht keine Weltkonzerne beheimatet, aber Zukunftschancen für die Menschen vor Ort bietet, wäre doch ein gutes Ziel, wenn sich mehr ergibt, wäre es ideal.

Was kann man aus dem Strukturwandelprozess im Ruhrgebiet lernen?
Jeder Strukturwandel ist anders. Das klingt erstmal banal, muss aber immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Vergleiche sind damit nur vereinzelt möglich und versprechen dementsprechend nur ein gewisses Maß an Einsichten. Wenn man vor diesem Hintergrund das Rheinische Revier mit dem Ruhrgebiet vergleicht, dann fallen die besseren Startchancen auf. Im Ruhrgebiet wurde die heute wirklich bemerkenswerte Hochschullandschaft erst im Nachhinein etabliert. Die Ruhr-Universität in Bochum beispielsweise nahm erst 1965 ihren Lehrbetrieb auf, doch bereits in den 1950er Jahren schlossen zahlreiche Zechen im Zuge der Kohlekrise ihre Werkstore, beispielsweise in Duisburg. Auch wenn der Vergleich schwierig ist, das Rheinische Revier ist heute besser aufgestellt als das Ruhrgebiet in der Vergangenheit. Die RWTH Aachen, aber auch die nahegelegene Universität zu Köln oder die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie die zahlreichen Fachhochschulen, beispielsweise in Mönchengladbach, sind bereits heute vor Ort vorhanden und etabliert. Sie können also den Wandel mitgestalten und sind nicht Folge des Wandels. Weiterhin ist der Wohnungsmarkt in den Ballungszentren angespannt, so dass auch das Umland, wozu weite Teile des Rheinischen Reviers gehören, von dieser Entwicklung profitieren können. Eigenheime, beispielsweise im Rhein-Erft-Kreis, sind vor allem dort recht kostspielig, wo es einen S-Bahnanschluss nach Köln oder Aachen gibt. Auch ist die soziale Polarisierung innerhalb des Rheinischen Reviers bislang nicht so groß wie im Ruhrgebiet. Es wird sich zeigen, ob diese gute Position bewahrt werden kann.
Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt, den ich betonen möchte. Gute Erfahrungen im Ruhrgebiet wurden durch die Vernetzung der verschiedenen Bildungseinrichtungen gesammelt. Wichtig ist sicherlich die Universitätsallianz Metropole Ruhr, aber auch die Verzahnung von frühkindlicher Bildung und Regelschulen, sozialraumorientierte Konzepte zur Bildungsförderung sowie die Berücksichtigung von Schnittstellen bei Bildungsübergängen. Deutschlandweit bekannt ist mittlerweile das Talent-Scouting der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen, die Bildungsaufsteiger:innen gezielt begleitet und während des Studiums berät. Solche Einrichtungen haben vielerorts Nachahmer gefunden und sollten weiter gestärkt werden, auch im Hinblick auf die berufliche Bildung.

"Jede Investition in Kinder und Jugendliche ist eine Investition in die Zukunft" - wie ordnen Sie diese Aussage ein?
Im Strukturwandel für das Rheinisches Revier geht es ja häufig um die Etablierung von Spitzentechnologie, beispielsweise zur Gewinnung grünen Wasserstoffs. Das ist gut und richtig. Aber Spitzenforschung braucht meines Erachtens ein breites Fundament. Konkret bedeutet das, dass auch bereits früher in der Bildungsbiografie die Förderung und Gestaltung des Strukturwandels mitgedacht werden müssen. 2038 machen die Kinder, die bald in die Schule kommen, einen akademischen Abschluss oder eine Berufsausbildung. Um den Anforderungen der Zukunft dann auch gerecht werden zu können, brauchen Kinder und Jugendliche von Anfang an optimale Bedingungen und das bereits in der frühkindlichen Bildung. Der Strukturwandel ist eine generationenübergreifende Herausforderung, die auch so angegangen und gedacht werden sollte.

Wie kann non-formale und informelle Bildung regional in den Fokus gelangen? Welche Ansatzpunkte sehen sie?
Hier sehe ich zwei miteinander verknüpfte Ansätze, die einen Ausgangspunkt teilen. Wenn wir Bildung nicht mehr allein institutionsgebunden betrachten wollen, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellen, richtet sich der Blick automatisch auf das Quartier als Lebenswelt. Dort erfahren Kinder Normalitäten, lernen sich im Alltag zu orientieren und erworbenes Wissen und Fertigkeiten anzuwenden. Wenn Bildung also vom Menschen ausgesehen und nicht von der Institution betrachtet wird, dann gelangen automatisch auch non-formale und außerschulische Bildungsressourcen in den Fokus, wie Büchereien, Orte des nachbarschaftlichen Austauschs und Vereine. Aber mit dieser Perspektive stellen sich auch neue Herausforderungen. Denn auch im Rheinischen Revier ist ein kleinräumiger Zusammenhang zwischen Armutsquote, Anteil von Zugewanderten an der Bevölkerung und Anteil von Kindern an der Bevölkerung zu beobachten. Sinnbildich gesprochen sind die Armenhäuser des Rheinischen Reviers zugleich ihre Kinderstuben und der Ort, an dem Integration gelingen soll. Das ist eine ziemliche Herausforderung und um sie sichtbar zu machen, braucht es das regionale Bildungsmonitoring. So sehen wir, an welchen Orten beispielsweise Grundschulen mehr Ressourcen benötigen, aber auch wo erste Initiativen zur Vernetzung unterschiedlicher Bildungseinrichtungen besonders dringend sind. Ebenso lassen sich Erfolge dokumentieren. Das ist kein Selbstzweck, sondern sollte für eine evidenzbasierte Steuerung genutzt werden, womit wiederum das Fundament für die Spitzenforschung der Zukunft ausgebaut und gefestigt werden kann.

In ihrem Vortrag sprachen Sie außerdem über das fördern von Identität in dem Revier - was meinen Sie genau damit und was braucht es dafür?
Das war eine Lehre, die man ruhigen Gewissens aus der Gestaltung des Strukturwandels im Ruhrgebiet ziehen kann. Dort ist es relativ gut gelungen, neben den lokalen Identitäten, auch eine Identität als Region zu entwickeln. Hier haben vor allem Kulturschaffende ihren Anteil am Erfolg. Ein wichtiger Katalysator war sicher die Kulturhauptstadt 2010, aber auch zahlreiche andere Initiativen, wie die Nacht der Industriekultur. Ebenso haben auch Musiker wie Herber Gronemeyer zur regionalen Identitätsbildung beigetragen. Das heißt aber nicht, dass eine solche eindeutig ist und andere Abgrenzungen innerhalb der Region infrage stellt. Was eine regionale Identität aber leistet, ist eine Vergewisserung, was die Region prägt und wofür sie stehen will. Dafür braucht es Dialog und die Bühne für Austausch. Nochmal: Vor allem Kunstschaffende können hier einen Beitrag zur regionalen Identitätsbildung leisten.

Wie kann eine zukünftige Gesellschaft im Rheinischen Revier aussehen? Wie können sozialer und Wirtschaftswandel zusammen gedacht werden?
Meines Erachtens sollte eine Antwort auf diese Frage durch einen längeren und intensiveren Dialog in der Region erarbeitet werden. Der Erfolg des Strukturwandels der Region hängt sicher auch davon ab, wie gut es gelingt möglichst viele Menschen vor Ort einzubinden. Die Veränderungen der nächsten Jahrzehnte werden die Region nachhaltig verändern, wofür die Region dann stehen wird, kann nur mit den Menschen und Unternehmen gemeinsam ausgearbeitet werden. Einige Punkte werden ja immer wieder betont, wie der Wille zur Spitzenforschung und technologische Entwicklung. Damit eine solche Entwicklung auch tatsächlich Folgen für die gesamte Region entfalten kann, braucht es der Förderung der Fachkräfte der Zukunft und deren Bildungskarriere fängt jetzt erst an, ähnlich wie der Strukturwandel. Beide sollten zusammengedacht werden, denn sowohl die wirtschaftsstrukturellen Umbrüche, als auch der Erfolg der Bildungskarrieren der Kinder des Reviers werden die Gesellschaft 2040 prägen.

Schauen Sie sich hier die Dokumentation des 1. Themensalons an