Datenbasierte Denkanstöße 10: Teilhabe von Grundschüler*innen am Startchancenprogramm

Einführende Erläuterungen

Der aktuelle Denkanstoß befasst sich mit dem wohl aktuell größten bildungspolitischen Vorhaben in Deutschland: Dem Startchancenprogramm. Dieses soll den Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Herkunft aufbrechen, indem ausgewählte Startchancenschulen Mittel für die drei Säulen Investitionsbudget, Chancenbudget und zusätzliches Personal erhalten. Der Schwerpunkt liegt auf den Grundschulen: 60% der Schüler*innen an Startchancenschulen sollen Grundschüler*innen sein. Das Schulministerium in NRW stellt zahlreiche  Informationen zu Inhalten und Umsetzung des Programms und den Startchancenschulen bereit sowie im offenen Datenangebot weitere Angaben zur Anzahl der Schüler*innen und den Schulstandorten in NRW insgesamt. In NRW werden die allgemeinbildenden Startchancenschulen über den schulscharfen Sozialindex (Schräpler/Jeworutzki 2021, 2023) ausgewählt. 

Datenauswertung und Darstellung

Insgesamt nehmen in NRW 635 von 2815 Grundschulen teil, wodurch etwa 24,0 % aller Grundschüler*innen erreicht werden.[1] Im Rheinischen Revier nehmen 79 von insgesamt 401 Grundschulen teil und 19,8 % der Grundschüler*innen werden hier durch das Programm erreicht. 

Die Karte zeigt für das Rheinische Revier erstens die Grundschulstandorte: Startchancengrundschulen sind rot, alle anderen gelb einfärbt. Zweitens ist über die Einfärbung der Flächen dargestellt, wie viel Prozent der Grundschüler*innen im jeweiligen Kreis bzw. der kreisfreien Stadt eine Startchancenschule besuchen. 

  • Innerhalb des Reviers gibt es deutliche Unterschiede in den Teilhabequoten: Im Kreis Heinsberg (drei Startchancengrundschulen) und im Kreis Euskirchen (zwei Startchancengrundschulen) sind es weniger als 10 % der Grundschüler*innen, die durch das Programm erreicht werden, in Mönchengladbach hingegen fast die Hälfte der Grundschüler*innen.
  • Man erkennt in Bezug auf die Standorte relativ deutlich einige „Hot Spots“. So liegen die beiden einzigen Startchancengrundschulen im Kreis Euskirchen räumlich sehr nah beieinander, im Kreis Düren liegen sämtliche Startchancengrundschulen auch in der Stadt Düren (und keine in den kreisangehörigen Gemeinden).

Denkanstöße

  • Die schulscharfe sozialindexbasierte Verteilung der Mittel soll u. a. dafür sorgen, dass besser die Kinder erreicht werden, deren sozioökonomische Lage mit Barrieren in der Bildungsteilhabe einhergeht. Man sieht in der Darstellung deutlich, dass gerade in den Flächenkreisen in großen Gebieten „Startchancenfreiheit“ herrscht – obwohl auch dort Kinder leben, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft geringere Teilhabechancen im hiesigen Bildungssystem haben.
  • Die Berücksichtigung der institutionellen Ebene „Schule“ ist zu begrüßen, u.a. da Schulen in herausfordernden Lagen oft schlechtere Rahmenbedingungen für ihre Schüler*innen bieten (für Berlin z. B. Helbig/Nikolai 2019). Die Verteilung führt allerdings auch dazu, dass alle Kinder an Startchancenschulen von dem Programm erreicht werden (egal wie es um ihre individuelle bzw. familiäre Lage bestellt ist). Gleichzeitig werden die Kinder nicht erreicht, die aufgrund ihrer „sozialen Herkunft“ mit Barrieren konfrontiert sind, aber in ihrer Schule in der Minderheit sind (sodass sie eben keine „Startchancenschule“ geworden ist).
  • Da Schulen ausgewählt werden, an denen herausfordernde Lagen zwar kulminieren, aber dennoch nicht alle Kinder betreffen, sollten diese Schulen auch das Ziel der Entkoppelung von „sozialer Herkunft“ und Bildungserfolg im Blick haben. Sonst könnte dort ein „Fahrstuhleffekt“ (Beck 1986) auftreten: Das Bildungsniveau an der Schule steigt für alle, aber die sozialen Ungleichheiten bleiben bestehen.
  • Das Startchancenprogramm entbindet Gesellschaft und Politik nicht von weiteren Anstrengungen: Auch an den zahlreichen nicht ausgewählten Schulen muss z.B. armuts- und diversitätssensibel unterrichtet und gehandelt werden, und auch auf der systemischen Ebene sollte nach weiteren Lösungen gesucht werden, um Bildungsteilhabe in Deutschland sozial gerecht zu gestalten. 
     

[1] 10 Grundschulen, davon 3 Startchancenschulen, nehmen erst zum 01. August 2025 den Betrieb auf, wodurch es noch keine Amtlichen Schuldaten zur Anzahl der Schüler*innen gibt. Keine davon liegt allerdings im Rheinischen Revier. Die Angaben zu den Schüler*innenzahlen sind zum Stichtag 15.10.2024 für die jeweiligen Schulen erhoben. 

PDF: Datenbasierter Denkanstoß 10 (Text und Grafik)

12.08.2025
Datenbasierter Denkanstoß 10.pdf
Datenbasierter Denkanstoß 10: Teilhabe von Grundschüler*innen am Startchancenprogramm