Add-on 2 zum datenbasierten Denkanstoß 1/2026: Demografische Verschiebungen nach Nationalität und Geschlecht
Einführende Erläuterungen
Die bisherigen Auswertungen haben gezeigt: Während an den Berufskollegs im Rheinischen Revier tendenziell Rückgänge bei Schüler:innen in Ausbildungsklassen zu verzeichnen sind, entwickelt sich der Übergangssektor in der letzten Dekade stabiler und in den letzten Jahren steigend. In der Folge ist die Anzahl der Neuzugänge im Übergangssektor im Revier für das Schuljahr 2024/2025 mit 7 195 Schüler:innen mehr als halb so groß wie die Zahl der Ausbildungsanfänger:innen (13 385). Theoretisch liegt hier ein enormes Potenzial zur Bewältigung von Fachkräfteengpässen. Gleichzeitig verändert sich die soziodemografische Struktur im Übergangssektor: Insbesondere in den Jahren 2015-2017 war er (teilweise durch die internationalen Förderklassen bedingt) bereits vergleichsweise stark durch Zuwanderung geprägt; zusätzlich gibt es hier einen überproportionalen Rückgang an Schüler:innen mit deutscher Nationalität. Da sozial ungleiche Bildungsteilhabe multidimensional strukturiert ist, ergänzen wir im neuen Add-on die Kategorie „Geschlecht“.
Die Abbildung zeigt analog zum ersten Add-on die Zusammensetzung der Neuzugänge an Berufskollegs nach deutscher oder anderer Nationalität von Übergangssektor einerseits und Ausbildungsklassen anderseits.[1] Zusätzlich ist farblich gekennzeichnet, ob es sich um weibliche oder männliche Schüler:innen handelt. Die Tabelle zeigt die Zusammensetzungsanteile der Schüler:innen und Veränderungsraten.
Tabelle 1: Veränderungsraten und Zusammensetzungsanteile der Neuzugänge in Ausbildungsklassen und Übergangssektor im Rheinischen Revier, Vergleich der Zeiträume 2015-2017 (1) und 2022-2024 (2). Daten: IT.NRW, eigene Berechnung und Darstellung.
Schüler:innengruppe | Veränderungsrate der Anzahl von Zeitraum 1 zu Zeitraum 2 | Anteilswerte für die Zusammensetzung der Neuzugänge (in Klammern: Zeitraum 1) | ||
Ausbildungsklassen | Übergangssektor | Ausbildungsklassen | Übergangssektor | |
| Deutsche Nationalität, weiblich | -15% | -21% | 33% (37%) | 22% (25%) |
| Deutsche Nationalität, männlich | -4% | -24% | 56% (53%) | 38% (43%) |
| Andere Nationalität, weiblich | 35% | 66% | 5% (4%) | 14% (8%) |
| Andere Nationalität, männlich | 18% | 8% | 7% (6%) | 25% (21%) |
Beschreibung der Ergebnisse
Sowohl in den Ausbildungsklassen als auch im Übergangssektor sind junge Männer mit deutscher Nationalität die größte Gruppe der Neuzugänge – allerdings in unterschiedlichem Ausmaß: In der Ausbildung stellen sie mehr als die Hälfte, im Übergangssektor nur 38%. Schaut man unabhängig von der Nationalität nur auf das Geschlecht, sind beide Teilbereiche gleichermaßen männlich geprägt (Ausbildungsklassen 63% Männeranteil, Übergangssektor 64%).
In den Ausbildungsklassen starten mehr Personen deutscher Nationalität als im Übergangssektor. Bei den Neuzugängen mit anderer Nationalität hingegen starten mehr Personen im Übergangssektor als in den Ausbildungsklassen. Dies gilt sowohl für Frauen als auch für Männer.
Auffallend sind unterschiedliche Dynamiken bei jungen Frauen in den Ausbildungsklassen nach Nationalität: Bei denen mit deutscher Nationalität gibt es im Vergleich zu männlichen Schülern einen überproportionalen Rückgang,[2] bei denen mit anderer Nationalität einen überproportionalen Zuwachs.[3]
Das Ergebnis, das am meisten heraussticht, ist der enorme Zuwachs junger Frauen mit anderer als der deutschen Nationalität im Übergangssektor von +66% und in den Ausbildungsklassen mit +35%. Trotzdem sind sie weiterhin in beiden Bereichen die kleinste Gruppe.
Denkanstöße
Auch wenn sich die Verhältnisse wie beschrieben bewegen: Beide Bereiche sind stark männlich geprägt. Im Übergangssektor liegt zwar auch und leicht zunehmend Potenzial von „Frauen als Schlüssel zur Fachkräftesicherung“[4], insbesondere durch den Anstieg von Frauen mit anderen Nationalitäten. Die Frauenanteile insgesamt sind mit etwa einem Drittel allerdings weiterhin eher ernüchternd. Warum gehen junge Frauen - insbesondere diejenigen mit anderer als der deutschen Nationalität - so selten an die Berufskollegs? Um diese komplexe Frage zu beantworten, bedarf es weiterer Forschung.
Im Rahmen der Berufsorientierung ist in der Konsequenz ein diversitätssensibler Ansatz zu verfolgen und darauf zu achten, dass die Vorgaben aus dem Runderlass des Ministeriums für Schule und Bildung NRW auch in der Praxis ankommen. Diese sehen unter anderem vor, „geschlechtsbezogene Benachteiligungen zu vermeiden bzw. zu beseitigen“ und „Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund […] gezielt [zu fördern].“
Die größere Diversität im Übergangssektor kann als Chance gesehen werden: Wenn hier eine gute Übergangsgestaltung gelingt, kann dies auch die durch Männer mit deutscher Nationalität geprägten Ausbildungsklassen diversifizieren und eine breitere Teilhabe am Ausbildungsgeschehen ermöglichen.
[1] Die Auswahl eines Drei-Jahres-Zeitraums erfolgte, um stabilere Aussagen unabhängig von Jahresschwankungen treffen zu können. 2022 bis 2024 wurde dabei als aktuellster verfügbarer Drei-Jahres-Zeitraum gewählt, 2015 bis 2017 als vorpandemischer und vergleichsweise homogener Zeitraum, der durch verstärkte Einwanderung ab 2015 und eine relativ starke Inanspruchnahme des Übergangssektors gekennzeichnet ist.
[2] Veränderungsrate -15% im Vergleich zu -4%
[3] Veränderungsrate +35% im Vergleich zu +18%
[4] Malin, L. u. a. (2026) Engpassanalyse: Frauen als Schlüssel zur Fachkräftesicherung. Köln: Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V.

