Add-on zum datenbasierten Denkanstoß 1/2026: Demografische Verschiebungen im Übergangssektor entlang der Nationalität
Was ist ein “Add-on”?
Mit der monatlichen Erscheinungsweise des Newsletters ab 2026 und der Einführung des neuen Konzepts für unsere datenbasierten Denkanstöße starten wir direkt das nächste Experiment: Die unregelmäßige Erstellung kleiner „Add-ons“ – vertiefender Zusatzauswertungen für das Revier. Denn im Idealfall wirft ein Denkanstoß ja weitere Fragen auf, und manche davon können wir auch beantworten! Die erste dieser Fragen ist: Was wissen wir über diejenigen, die an die Berufskollegs in Ausbildung und in den Übergangssektor gehen? Eines der statistisch verfügbaren Merkmale ist die Nationalität, die wir uns im ersten Add-on genauer ansehen.
Einführende Erläuterungen
Der Denkanstoß 1/2026 hat die Entwicklung der Neuzugänge im Übergangssektor an Berufskollegs denen in schulische oder duale Ausbildung gegenübergestellt. Auffallend waren dabei der hohe zuwanderungsbedingte[1] Zuwachs im Rheinischen Revier ab 2015, der Einbruch der Zahlen während der Coronapandemie und der erneute Anstieg seit Ende der rigiden pandemiebedingten Maßnahmen.
Das Add-on schaut für das Rheinische Revier auf die Zusammensetzung der Schüler:innenschaft nach deutscher oder anderer Nationalität von Übergangssektor einerseits und dualer/schulischer Ausbildung anderseits. Um die Datenbasis zu verbreitern und Jahresschwankungen auszugleichen haben wir die Neuzugänge der Jahre 2015-2017 und die der Jahre 2022-2024 zusammengefasst.[2] Für die Neuzugänge erfassen die Schuldaten unter anderem die Nationalität der Schüler:innen. Auch wenn dieses Merkmal gerade in Bezug auf Kinder zunehmend in der Kritik steht,[3] ist es in der Bildungsberichterstattung derzeit noch ein etablierter Standard.
Beschreibung der Ergebnisse
- Sowohl in der dualen oder schulischen Ausbildung als auch im Übergangssektor hat die Mehrheit der Schüler:innen die deutsche Nationalität. Entsprechend der demografischen Entwicklungen der letzten Jahre mit der erhöhten Zuwanderung ab 2015 gibt es im Vergleich der Zeiträume allerdings überall einen Zuwachs an Schüler:innen mit anderer Nationalität.
- Unterschiede zeigen sich allerdings sowohl (1.) hinsichtlich des Niveaus in Ausbildung und Übergangssektor als auch (2.) in Bezug auf das Ausmaß der Veränderung zwischen den Zeiträumen:
- Bei den Neuzugängen im Übergangssektor ist der Anteil der Personen mit anderer Nationalität sehr viel höher (Zeitraum 2022-2024: 39% versus 13% bei dualer und schulischer Ausbildung). Dass es einen solchen Unterschied gibt, ist nicht unerwartet, machen doch die „Internationalen Förderklassen“ eines der Kernangebote in diesem Bereich aus. Er ist allerdings recht hoch.
- Auch der Anstieg der neuen Schüler:innen mit anderer Nationalität fällt in absoluten Zahlen im Übergangssektor höher aus (+1 574 versus +1 007 in den Ausbildungsklassen). Rechnet man dies in eine Veränderungsrate um, landet man allerdings bei recht ähnlichen Werten (+23% versus +25%). Viel auffälliger ist hingegen die Veränderung bei den neuen Schüler:innen mit deutscher Staatsangehörigkeit: Hier gab es einen Rückgang von -3 388 in den Ausbildungsklassen und sogar um -3 822 im Übergangssektor. Das entspricht einer Veränderungsrate von -8% in Ausbildung und -23% im Übergangssektor.
- Im Ergebnis sinken die Anteile derjenigen mit deutscher Nationalität in den Ausbildungsklassen von 90% (2015-2017) auf 87% (2022-2024), im Übergangssektor hingegen von 71% (2015-2017) auf 61% (2022-2024).
Denkanstöße
- Der überproportionale Rückgang der Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit im Übergangssektor (-23% versus -8% in Ausbildung) deutet darauf hin, dass diese Gruppe zunehmend andere Angebote findet und wahrnimmt – während dies für Personen mit anderen Nationalitäten nicht zutrifft.
- Im Übergangssektor haben sich die Relationen zwischen Schüler:innen mit deutscher und mit anderer Staatsangehörigkeit deutlich verschoben. Er fungiert anscheinend zunehmend als Brennglas eines sozial segregierenden Bildungssystems. Es bedarf politischer Steuerung, damit der Übergangssektor junge Menschen bei der Berufsorientierung unterstützt – und nicht zu einem System wird, das Bildungsbenachteiligungen stabilisiert und verfestigt.
- Dabei helfen könnten sowohl strukturelle Reformen als auch eine bewusste Gestaltung öffentlicher Narrative. Hier braucht es weitere Forschung, die zeigt, wie Stigmatisierungen entgegengewirkt werden kann und unterschiedliche Zielgruppen adressat:innengerecht angesprochen werden können.
[1] Euler, D. (2022). Die Rolle des Berufskollegs im nordrhein-westfälischen Bildungssystem: Leistungspotenziale, Herausforderungen und Ansätze zur Weiterentwicklung. Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen & RuhrFutur gGmbH: S. 46.
[2] 2022 bis 2024 als aktuellsten verfügbaren Drei-Jahres-Zeitraum, der nicht die akute Pandemiephase umschließt, 2015 bis 2017 als vorpandemischen und vergleichsweise homogenen Drei-Jahres-Zeitraum, der durch verstärkte Einwanderung ab 2015 und eine relativ starke Inanspruchnahme des Übergangssektors gekennzeichnet ist.
[3] El-Mafalaani, A. (2025) „Superdiverse Kindheiten“, in A. El-Mafalaani, S. Kurtenbach, und K.P. Strohmeier (Hrsg.) Kinder. Minderheit ohne Schutz. 2. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch, S. 65–86.
