Rückblick: KoBiS Online-Fachveranstaltung "Bildung als Motor – Erfahrungen und Erkenntnisse aus drei Revieren im Wandel"




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Die drei deutschen Braunkohlereviere in der Lausitz, in Mitteldeutschland und im Rheinland stehen durch den Kohleausstieg vor tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Die Dekarbonisierung, der demografische Wandel und die Digitalisierung stellen die Regionen vor große Herausforderungen, bieten aber auch Chancen. Mit der Online-Fachveranstaltung „Bildung als Motor – Erfahrungen und Erkenntnisse aus drei Revieren im Wandel“ präsentierte das nunmehr seit fünf Jahren bestehende Kompetenzzentrum Bildung im Strukturwandel (KoBiS) zentrale Erkenntnisse und Lösungsansätze zur Gestaltung von Bildungslandschaften im Strukturwandel.

In einer moderierten Einleitung berichteten Jenny Richter, Dr. Rabea Pfeifer und Dr. Thomas Prennig, die drei Leitungen der einzelnen Netzwerkbüros, von der Entstehung, den Aufgaben und den Zielen des Kompetenzzentrums. Das Kompetenzzentrum mit seinen drei Netzwerkbüros wird seit 2020 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Es ist im Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen verankert und Teil der Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement des Ministeriums. Es wurde initiiert, um die Kohleregionen und Revierkommunen im Strukturwandel zu unterstützen. Hierzu gehört es, Entwicklungen in den unterschiedlichen Bildungsbereichen datenbasiert zu analysieren, Akteure miteinander zu vernetzen und Impulse zur Gestaltung regionaler Bildungslandschaften zu geben.

In fünf Workshops wurden Bildungsthemen, die revierübergreifend von besonderer Bedeutung für den Strukturwandel sind, beleuchtet und ausführlich diskutiert. 

 

Workshop 1: Berufliche Orientierung im Strukturwandel: Chancen, Herausforderungen und Strategien

Der Wandel am Arbeitsmarkt geht mit Herausforderungen in der beruflichen Orientierung einher: Fachkräftemangel, Digitalisierung und Energiewende stellen Jugendliche vor neue berufliche Realitäten und Entscheidungen. Die Netzwerkbüros liefern Impulse für eine vielfältigere und zukunftsorientierte Ausrichtung der beruflichen Orientierung.

Revierübergreifend kristallisieren sich beim Thema berufliche Orientierung vier Befunde heraus.

1. Ländlicher Raum: Pragmatismus oder Abwanderung
Hochschulabsolventinnen und -absolventen bleiben häufig in städtischen Regionen. Dies verstärkt die Abwanderung aus ländlichen Regionen. Die Berufswahl auf dem Land ist stark durch Mobilität und Erreichbarkeit geprägt. Interessen können oftmals nur im Rahmen der verfügbaren Wirtschaftsstruktur umgesetzt werden. Digitale Formate tragen dazu bei, Mobilitätshürden abzubauen. Persönliche Begegnungen und Praxisanteile sind jedoch nicht ersetzbar.

2. Unsicherheiten beim Übergang Schule – Beruf
Vielfältige Angebote zur beruflichen Orientierung kommen bei Jugendlichen teils unstrukturiert an und können sie überfordern. Inhalte und Schwerpunkte variieren stark nach Schulform. Der Bedarf an individueller und kontinuierlicher Begleitung ist hoch. Gleichzeitig fehlt es häufig an zeitlichen und personellen Ressourcen, um dies im Schulalltag zuverlässig umzusetzen.

3. Praxis und berufliche Orientierung stärken
An Gymnasien liegt der Fokus meist auf Studienorientierung, Alternativen wie beispielsweise berufliche Orientierung werden seltener thematisiert. Mehr Praxisbezug, z. B. durch Lerntage in Betrieben, wird als wichtig erachtet. In diesem Zusammenhang gilt es, auch die Elternhäuser für mehr Ergebnisoffenheit bei der beruflichen Orientierung zu sensibilisieren.

4. Berufsoptionen im Wandel sichtbar machen
Nachhaltigkeit und Strukturwandel spielen bei den Berufswahlkriterien bislang eine untergeordnete Rolle. Um das Interesse an zukunftsweisenden, nachhaltigen Arbeitsfeldern zu wecken, braucht es Formate, die lebensnahe Informationen bieten, Vertrauen aufbauen und auch eine ökonomische Attraktivität transformationsrelevanter Berufe herausstellen.

Referentin/Referent: Marie Holmgaard (Netzwerkbüro Bildung im Rheinischen Revier), Dr. Tom Hoyer (Netzwerkbüro Bildung im Strukturwandel in Mitteldeutschland)

 

Workshop 2: Zukunft Ausbildung – gemeinsam den Strukturwandel gestalten 

Die berufliche Ausbildung ist vom Strukturwandel betroffen und gestaltet diesen zugleich mit. Die Herausforderungen der beruflichen Ausbildung sind aktuell unter anderem Passungsprobleme, nicht ausreichende Attraktivität oder der Umgang mit einer sehr heterogenen Schülerschaft.

Die berufliche Ausbildung steht unter einem Anpassungsdruck, d. h. sie muss auf Qualifikationsbedarfe und neue Berufsbilder reagieren, die mit dem Strukturwandel einhergehen, beispielsweise im Bereich der Digitalisierung oder der Dekarbonisierung. Zugleich ist sie eine wesentliche Dimension der Fachkräftesicherung und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zum Gelingen des Strukturwandels. 

In diesem dynamischen Wechselverhältnis von Anpassungs- und Ermöglichungsfunktion ist die berufliche Ausbildung mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Eine der größten Herausforderungen liegt im zum Teil nicht ausreichenden Matching, also der Passung zwischen Auszubildenden und Ausbildung. Lösungsansätze dafür liegen in der Überlegung, Ausbildungen zu modularisieren, unternehmensseitige Erwartungen an Auszubildende anzupassen oder Praktika als Voraussetzung für Ausbildungsverträge einzuführen.

Weiterhin kämpft die berufliche Ausbildung um mehr Attraktivität. Hierfür helfen monetäre Anreize. Neben ökonomischen Überlegungen ist es Ausdruck von Wertschätzung, die Bedarfe von jungen Menschen zu erkennen und die Auszubildenden in ihrer Ausbildung noch intensiver zu begleiten. 

Die berufliche Ausbildung ist zunehmend durch eine sehr heterogene Schülerschaft geprägt. Unternehmen und Berufsschulen müssen sich stärker auf unterschiedliche soziale und persönliche Lagen sowie auf generationale Besonderheiten einstellen.

Insbesondere in ländlichen Räumen, die unter den Folgen des demografischen Wandels leiden, ist die berufliche Ausbildung sehr von Angeboten in Bezug auf die Mobilität und Infrastruktur abhängig. Hierfür gilt es, Lösungen zu finden, beispielsweise mehr Internats- und WG-Angebote oder Vernetzung zwischen Ausbildungsprogrammen und ÖPNV-Angeboten.

Referenten: Dr. Eric Hielscher, Daniel Werchosch (Netzwerkbüro Bildung in der Lausitz)

 

Workshop 3: Berufliche Weiterbildung: Chancen und Herausforderungen im Strukturwandel

In der Weiterbildung gilt: Verschiedene Zielgruppen brauchen verschiedene maßgeschneiderte Angebote. Hierfür ist Vernetzung wichtig. Angebote müssen sichtbarer werden, insbesondere die der Kleinstunternehmen. Berufliche und akademische Weiterbildung sollte verknüpft und zeitgemäß gestaltet werden.

Sehr gute Beispiele aus der Praxis zeigen, wie Weiterbildung zur Fachkräftesicherung in den Revieren beiträgt.

So bieten die Qualifizierungsagenten im Rheinischen Revier Qualifizierungsberatung an. Diese richtet sich besonders an geringqualifizierte Beschäftigte mit Migrationshintergrund, deren Tätigkeit im Zuge des Strukturwandels zukünftig weniger gefragt sein wird. Die kostenfreie aufsuchende Beratung findet direkt in den Unternehmen statt und umfasst auch die Verbesserung der Deutschkenntnisse.

Das Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) versteht Weiterbildung als eine der Hauptaufgaben von Hochschulen. Über Weiterbildung können neue Kompetenzen in innovationsgetriebenen Berufsfeldern schnell vermittelt werden. Aktuell gibt es unter anderem Projekte zu Themen wie Batteriezellfertigung oder Qualifizierung zu Künstlicher Intelligenz. Die Angebote richten sich sowohl an Berufstätige, an Menschen, die Quereinstiege planen oder einen akademischen Abschluss haben.

Der Qualifizierungsverbund für erneuerbare Energien in der Lausitz wurde auf Initiative der LEAG sowie des Bundesverbands Erneuerbare Energien und des Instituts für betriebliche Bildungsforschung gegründet. In Workshops werden Themen und Bedarfe identifiziert. Daraus werden Konzepte und Weiterbildungsangebote entwickelt, die sich an Facharbeiterinnen und Facharbeiter sowie an Planende in Unternehmen richten. Die Umsetzung der Konzepte erfolgt gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus und der BTU.

Das Zukunftszentrum Digitale://Arbeit Sachsen-Anhalt berät Unternehmen zu Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich digitale Arbeit und vernetzt Akteure miteinander. Dabei werden gemeinsam mit Unternehmen, insbesondere mit kleinen und mittleren Unternehmen, konkrete Bedarfe ermittelt und passende Projekte oder Fördermittelmöglichkeiten gesucht.

Revierübergreifend gibt es beim Thema Weiterbildung verschiedene Herausforderungen zu bewältigen. Oft besteht noch Zurückhaltung, sich für das Thema zu öffnen. Dabei bremsen gute Auftragslagen bei gleichzeitigem Personalmangel die Ambitionen der Unternehmen, Weiterbildungen stärker zu fördern und sich an den Kosten zu beteiligen. 

Gestaltungsansätze bestehen darin, Unternehmen durch Netzwerkarbeit und Beratung stärker mit der Notwendigkeit von Weiterbildung vertraut zu machen. Außerdem sollte die langfristige Planbarkeit von Weiterbildungen gewährleistet werden. Wichtig ist es zudem, Angebote mit unterschiedlicher Zeitdauer sowie mit einer großen Bandbreite an Formaten und Methoden (online, hybrid, individuell peer to peer etc.) zu schaffen.

Referentinnen/Referenten: Carolin Jäckel (Netzwerkbüro Bildung im Strukturwandel in Mitteldeutschland), Julia Bischoff (Netzwerkbüro Bildung in der Lausitz), Jörg Frank (Qualifizierungsberatung im Rheinischen Revier – Qualifizierungsagenten Otto Benecke Stiftung e. V.), Heike Bartholomäus (Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg), Frank Büchner (Qualifizierungsverbund in der Lausitz für Erneuerbare Energien (QLEE) LEAG Konferenzcenter), Michael E.W. Neÿ (Zukunftszentrum Digitale://Arbeit Sachsen-Anhalt, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung)

 

Workshop 4: Systemische Integration von BNE: Netzwerkbildung und Kooperationsmodelle für eine nachhaltige Fachkräftesicherung

Wie kann Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zur Fachkräftesicherung beitragen? BNE ist eine Grundlage für Transformationsprozesse und eng mit Dekarbonisierung und Digitalisierung – zentralen Themen des Strukturwandels – verknüpft. Vernetzung und praxisnahe Anwendungen sind entscheidend, um mit BNE den Strukturwandel zu gestalten.

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gilt als Haltung, die sich für Transformationsprozesse im Strukturwandel eignet. Damit BNE tatsächlich zur Fachkräftesicherung beitragen kann, muss sie stärker als Querschnittsaufgabe gedacht und systemisch in Bildungslandschaften integriert werden. Außerdem sollte BNE zielgruppenspezifischer erklärt werden. Für junge Menschen eignen sich beispielsweise alternative Begriffe wie „Zukunftskompetenzen“ oder „Future Skills“. 

Um BNE nachhaltig zu etablieren, sind Kooperationen zwischen Schulen, Berufsschulen, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Bildungsakteuren notwendig. Dabei gibt es gerade bei der Einbindung von Berufsschulen noch viel Handlungsspielraum. Regional angepasste Strategien, lebensnahe Umsetzungen und gezielte Förderungen machen die Potenziale von BNE sichtbar und nutzbar. Insbesondere mit niedrigschwelligen Formaten und persönlicher Ansprache können konkrete Veränderungen angestoßen werden.

Zukünftig braucht BNE einen klareren Fahrplan mit definierten Zuständigkeiten, mehr öffentlichkeitswirksame Kommunikation sowie eine stärkere Sichtbarkeit bestehender Aktivitäten. Herausforderungen liegen unter anderem in der Koordination an Schulen und mangelndem Bewusstsein in Unternehmen. BNE kann zur Fachkräftesicherung beitragen, wenn sie vernetzt gedacht, praxisnah angewendet und auf regionale Bedarfe zugeschnitten wird.

Referentin/Referent: Henry Reimer-Peters, Nele Steffen (Netzwerkbüro Bildung im Rheinischen Revier)

 

Workshop 5 Gemeinsam gestalten: Partizipation als Voraussetzung für das Gelingen des Strukturwandels

Wie kann Zivilgesellschaft gut an Strukturwandelprozessen beteiligt werden? Welche Formate sind geeignet? Und warum lohnt sich das? Partizipation ist entscheidend, um die Akzeptanz für zukunftsorientierte Transformationsprozesse zu stärken.

Gelingende Partizipation erhöht den sozialen Zusammenhalt, die Akzeptanz für politische Entscheidungen und ist ein wesentliches demokratisches Element. Durch sie werden Bedarfe, Wissen und Kreativität der Zivilgesellschaft als Ressource für gute Steuerung und Planung nutzbar. Gemeinsam ist den drei deutschen Braunkohlerevieren, dass sozialer Zusammenhalt im Vergleich zu anderen Dimensionen eine der größten Sorgen der Bevölkerung ist. 

Als Beispiel aus der Praxis stellte Sven Guntermann im Workshop die Geschichte, Arbeit, Prinzipien und Vorgehensweise der seit mittlerweile sechs Jahren im Lausitzer Revier tätigen Bürgerregion Lausitz vor. Dieses Netzwerk bringt Menschen, Initiativen und Projekte zusammen, die sich für ihre Heimat engagieren und den Wandel mitgestalten wollen. Neben Beratung und Vernetzung bietet die Bürgerregion Lausitz Informationsangebote wie Veranstaltungen an, führt Beteiligungsprozesse durch und wirkt in Gremien mit.

Grundlegend und revierübergreifend stellt sich im Zusammenhang mit Partizipation immer die Frage nach der sozialen Selektivität. Im Planungsprozess von Beteiligungsprozessen sollte genau durchdacht werden, wie die Zivilgesellschaft eingebunden werden kann, damit Beteiligungsprozesse nicht eine immer gleiche, politisch engagierte Gruppe ansprechen. 

Partizipationsprozesse müssen zudem gut geplant werden: Verpufft das Engagement der Bevölkerung, weil Ergebnisse nicht berücksichtigt werden, sinkt das Vertrauen in Staat und Demokratie.

Referentinnen/Referenten: Annabell Ehrich (Netzwerkbüro Bildung in der Lausitz), Diana Wilken (Netzwerkbüro Bildung im Strukturwandel in Mitteldeutschland), Stefan Fehser (Netzwerkbüro Bildung im Strukturwandel in Mitteldeutschland), Caroline Hübner (Netzwerkbüro Bildung in der Lausitz), Sven Guntermann (Bürgerregion Lausitz)
 


Text des Netzwerkbüros Bildung im Strukturwandel in Mitteldeutschland. Der vollständige Artikel inkl. der Präsentationen ist hier zu finden.