Der nachfolgende Text ist ein persönlicher Rückblick auf den Revieraustausch von Nele Steffen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Netzwerkbüro Bildung Rheinisches Revier.
Zivilgesellschaftlicher Revieraustausch bringt Lausitz und Rheinisches Revier zusammen
Von Nele Steffen, Netzwerkbüro Bildung Rheinisches Revier
Vom 17. bis 20. Juni 2026 war eine rund 20-köpfige Delegation aus dem Rheinischen Revier in der Lausitz unterwegs – organisiert von Wertewandel e.V., dem Nell-Breuning-Haus, der Demokratiewerkstatt Rheinisches Revierund NABU NRW. Vier Tage, viele Orte und Gespräche, noch mehr Eindrücke. Höhepunkt war der überregionale Revierdialog im Ratssaal von Weißwasser, bei dem Vertreter:innen aus Zivilgesellschaft, Naturschutz, Kommunen, Kirche und regionalen Initiativen aus beiden Revieren zusammenkamen, um über Beteiligung, Regionalentwicklung und die Zukunft der Regionen im Kohleausstieg zu diskutieren.
Ich war mit zwei Fragen im Gepäck losgefahren: Was können wir von der regionalen Vernetzung der organisierten Zivilgesellschaft in der Lausitz lernen? Und wie sieht Bildung für den Strukturwandel hier ganz praktisch aus?
Eine Region, die sich organisiert hat
Dass der Revieraustausch überhaupt in dieser Form stattfinden konnte, hängt eng mit unserem Gastgeber, dem Verein Wertewandel als Teil der Bürgerregion Lausitz, zusammen. Die Bürgerregion ist ein Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen, das an mehreren Standorten in der Lausitz wirkt und sich der Idee verschrieben hat, Bürgerbeteiligung aktiv zu fördern und Menschen in ihrem Engagement zu stärken. Sie funktioniert als eine Art doppelte Struktur: überregional als Bündnis, das Initiativen zusammenbringt, Wissen bündelt und nach außen sichtbar macht. Auf lokaler Ebene durch aktive Knotenpunkte vor Ort, die den Kontakt zu den Menschen in den einzelnen Städten und Dörfern halten. Diese Kombination aus koordinierender Klammer und lokaler Verankerung wirkte auf mich wie eine der zentralen Lehren der Reise. Man braucht beides: eine Struktur, die regional Ressourcen, Fördermittel und Know-how bündelt, und Menschen vor Ort, die als Motoren und Kümmerer bekannt und ansprechbar sind.
Das Gefühl von „nicht mehr – noch nicht"
Bei einem Stadtspaziergang durch Weißwasser kam ein Satz auf, der die Stimmung vieler Gespräche zusammenfasste: das Gefühl, in einem Zwischenraum von „nicht mehr und noch nicht“ zu leben. Weißwasser wurde über ein Jahrhundert lang von der Lausitzer Glasindustrie geprägt: Um 1900 produzierten elf Glashütten in der Stadt, drei von vier Einwohner:innen lebten von diesem Gewerbe. Heute ist davon nur noch ein einziger großer Hersteller übrig. Mit den Werken verschwanden auch Ausbildungsplätze und Perspektiven. Auf der Suche nach Arbeit zogen viele Menschen weg. Vor Ort war diese Lücke deutlich spürbar: Etwas ist nicht mehr da, aber das Neue ist noch nicht erkennbar. An manchen Orten erzeugt das ein Gefühl der Chance, an anderen eher Verunsicherung. Eine Gesprächspartnerin sprach sogar von einer Art kollektiven Depression, die über der Region liege – eine Folge der Wende-Jahre, als durch die Treuhandpolitik innerhalb weniger Jahre ein Großteil der Industriearbeitsplätze verschwand und viele Orte in der Lausitz seither mehr als die Hälfte ihrer Einwohner:innen verloren haben.
Diese Erfahrung – der abrupte „Strukturbruch“ der Nachwendezeit – ist eine andere als die, die dem Rheinischen Revier bevorsteht. Und doch lohnt es sich, genau hinzuschauen, was ein Bruch dieser Art mit einer Region und ihren Menschen macht und wie sich das hätte abmildern lassen können.
Erinnerungskultur, Nachsorge und die Frage: Wer übernimmt das eigentlich?
Was mich bewegt hat, war auch der Umgang mit der eigenen Industriegeschichte. Aus der ehemaligen Brikettfabrik bei Hoyerswerda ist mit der Energiefabrik Knappenrode ein Ort geworden, an dem sich die gesamte Brikettherstellung von Etage zu Etage nachvollziehen lässt – ein Erinnerungsort, für den viele Menschen und insbesondere ehemalige Arbeiter:innen oder deren Nachkommen mit angepackt haben.
In Lauchhammer wurden wir außerdem vom Vereinsheim und Mehrgenerationenhaus DomiZiel beeindruckt. Im ehemaligen Schulgebäude, zentral in Lauchhammer, findet sich eine ganze Landschaft an Initiativen, die sich um die sozialen Nachfolgen des Strukturwandels sowie die Erinnerung und Würdigung untergegangener Industriearbeit kümmern. Hier ist Raum für Ausstellungen, Selbsthilfegruppen, Vereinstreffen, Lernkurse, Beratungenund Begegnungsmöglichkeiten.
Bleiben oder Gehen
Nicht alles, was uns in der Lausitz begegnet ist, lässt sich in positiven Zukunftsnarrativen auflösen. Wir haben auch gehört, dass Menschen versuchen, etwas zu gestalten, und es am nächsten Tag schon wieder vandalisiert vorfinden. Zivilgesellschaftliches Engagement in einer Region unter Druck ist offenbar nicht nur eine Frage der guten Idee und des Gemeinsinns, sondern auch der Frage, wie man Rückschläge aushält und trotzdem weitermacht.
An Häuserwänden waren offene faschistische Symbole zu sehen, rechte Sticker klebten an Straßenschildern und Aussichtspunkten. Gesprächspartner:innen berichteten außerdem, dass viele migrantisch gelesene Menschen die Region verlassen, nicht unbedingt weil es an Arbeit fehle, sondern weil sie in der Region zunehmend Ziel rechter Anfeindungen und Gewalt würden. Das macht nachvollziehbar, wie eng wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit einer Region zusammenhängen: Wo Menschen sich nicht sicher fühlen, bleiben sie nicht gerne – und wenn sie gehen, geht mit ihnen auch die Gestaltungs- und Arbeitskraft, auf die die Region angewiesen wäre.
Zum Begriff „Strukturwandel" und anderen Zukunftsnarrativen in der Lausitz
Überrascht hat mich, wie bewusst viele Lausitzer Akteur:innen das Wort „Strukturwandel" vermeiden. Es trifft in der Bevölkerung eher auf Unverständnis oder Ablehnung, so wurde es uns mehrfach erklärt. Stattdessen wird über das gesprochen, was Menschen unmittelbar betrifft: reale Verbesserungen der Lebensbedingungen vor Ort. Statt abstrakter Transformationsrhetorik hat uns ein Narrativ wie ein roter Faden durch die Region begleitet, das an der Identität vieler Menschen in der Region ansetzt: „Vom Bergmann zum Seemann".
Bildung als bewusste politische Entscheidung
Wie ernst Bildung im Strukturwandel genommen werden kann, hat uns unter anderem die Bürgermeisterin von Weißwasser vor Augen geführt. Politisch wurde hier bewusst und gezielt auf Bildung und den Erhalt sozialer Infrastrukturen gesetzt – allen voran Kitas, Schulen und die Stadtbibliotheken, die in schrumpfenden Städten oft zu den ersten Einrichtungen gehören, die zur Disposition stehen.
Auf einer anderen Ebene haben wir Ähnliches bei den Quartiersmanagements gesehen, die wir aus mehreren Orten kennengelernt haben. Ihre Stärke liegt in ihrer Beziehungsarbeit: Sie sind so nah an den Menschen und lokalen Initiativen, dass sie die lokalen Bedarfe kennen. So können sie zwischen Politik und Bevölkerung sinnvoll übersetzen – in beide Richtungen.
Bildung im Strukturwandel hat sich mir in der Lausitz weniger als eigenes Themenfeld gezeigt und mehr als Querschnittsaufgabe, die sich in politischen Prioritätensetzungen ebenso wiederfindet wie in der alltäglichen, oft unsichtbaren Vermittlungsarbeit vor Ort.
Naturräume (zurück-)gewinnen
Im Naturparadies Grünhaus hat uns Stefan Röhrscheid von der NABU-Stiftung Nationales Kulturerbe über die ehemaligen Bergbauflächen geführt, die die Stiftung gekauft und bewusst der Natur überlassen hat. Aus der rheinischen Gruppe kamen dazu viele eigene Gedanken: der Wunsch nach mehr Wäldern, die Idee, Flächen brachliegen zu lassen, ohne sie sofort neu zu verplanen und die Frage, wie man dem Flächendruck und fortgeschriebenen Besitzverhältnissen im Rheinischen Revier etwas entgegensetzen kann. Die Lausitzer Tagebauseenlandschaft war für viele faszinierend zu sehen, aber ebenso klar war: So wird es im Rheinland nicht werden, hier sind die Ausmaße und Dimensionen der Tagebaue doch ganz andere.
Was wir aus der Lausitz mitnehmen
Vier Tage reichen nicht, um eine Region zu verstehen und nicht alles aus der Lausitz lässt sich auf das Rheinische Revier übertragen – die Geschichte, das Tempo und die Ausgangsbedingungen beider Regionen unterscheiden sich deutlich. Was bleibt sind eine Reihe von Anregungen und offenen Fragen, die wir mit zurück ins Rheinische Revier nehmen: Wie könnte eine doppelte Vernetzungsstruktur aus überregionaler Koordination und lokalen Initiativen aussehen, die tatsächlich trägt? Wie lässt sich über Wandel sprechen, ohne die Menschen mit dem Begriff selbst schon zu verlieren? Wie kann Bildung an Orte gebunden werden, die Geschichte und Zukunftsbilder erzählbar machen? Und, nicht zuletzt das Bewusstsein, dass Zukunftsfähigkeit einer Region auch eine Frage von Sicherheitsempfinden, Zugehörigkeit und Bleibeperspektive ist.
Der Austausch zwischen den Revieren geht weiter, und mit ihm hoffentlich auch der Mut, genau hinzuschauen: auf das, was gelingt, und auf das, was noch mehr Aufmerksamkeit braucht. Beziehungen sind gewachsen und die Impulse der Diskussionen fließen unter anderem in das Projekt „Mind the Gap" ein, das Beteiligungslücken im Strukturwandel unter die Lupe nimmt.
Hinweise zum Vertiefen
Bundeszentrale für Politische Bildung: Hinter dem Abgrund - Leben in der Lausitz. Online abrufbar unter: https://www.bpb.de/mediathek/reihen/hinter-dem-abgrund/ (zuletzt abgerufen am 01.07.2026)
Bürgerregion Lausitz. Online abrufbar unter: https://buergerregion-lausitz.de/ueber-uns/ (zuletzt abgerufen am 01.07.2026)
IAB-Regional. IAB Berlin-Brandenburg 3/2018: Die Lausitz. Eine Region im Wandel. Online abrufbar unter: https://doku.iab.de/regional/BB/2018/regional_bb_0318.pdf (zuletzt abgerufen am 01.07.2026)
Rausch, Andreas (2025): Eisen, Kohle… Asche – Lauchhammers Kampf mit der Vergangenheit. In der ARD-Mediathek: https://www.ardmediathek.de/film/eisen-kohle-asche-lauchhammers-kampf-mit-der-vergangenheit/Y3JpZDovL3JiYi1vbmxpbmUuZGUvZWlzZW4ta29obGUtYXNjaGU (zuletzt abgerufen am 01.07.2026)
Rausch, Andreas u. Kartschall, Andre (13.06.2026): Ländliche Regionen Brandenburgs. Eine Zukunft ohne Kohle - gilt das für alle? (Tagesschau-Reportage). Online abrufbar unter: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/lausitz-braunkohle-strukturwandel-100.html (zuletzt abgerufen am 01.07.2026)
Stiftung Ein Quadratkilometer Bildung: Hoyerswerda stellt dem demografischen Wandel und der Abwanderung Bildung entgegen. Online abrufbar unter: https://www.km2-bildung.de/programmorte/hoyerswerda/ (zuletzt abgerufen am 01.07.2026)
Wirtschaftsregion Lausitz. Online abrufbar unter: https://wirtschaftsregion-lausitz.de/strukturentwicklung-lausitz/ (zuletzt abgerufen am 01.07.2026)

