Drei Fragen an Q.V.I.W.: Qualifiziert. Vernetzt. Innovativ. Wirksam. – Weiterbilden im Rheinischen Revier
1. In den vergangenen Jahren hat Q.V.I.W. verschiedene Weiterbildungsmodule für den Arbeitsmarkt im Rheinischen Revier im Strukturwandel entwickelt. Gab es im Projektverlauf Momente oder Rückmeldungen aus der Praxis, die Ihnen besonders gezeigt haben, wie stark sich Arbeitswelt und Qualifizierungsbedarfe derzeit verändern?
Ja, mehrere. Besonders eindrücklich war für uns ein Zukünftelabor, das wir kurz nach Inkrafttreten des EU Nature Restoration Law mit Expert:innen aus Wissenschaft, Praxis, organisierter Zivilgesellschaft sowie Vertreter:innen aus Politik und Verwaltung durchgeführt haben.Ausgangspunkt war die Frage, wie sich Berufsprofile entlang der neuen rechtlichen Rahmenbedingungen wandeln. In der gemeinsamen Arbeit an Zukünftebildern wurde sehr schnell deutlich, dass die Veränderungen weit über fachliche Spezialisierung hinausreichen: Gefragt sind zunehmend Kompetenzen, die fachliche Tiefe mit der Fähigkeit verbinden, in inter- oder sogartransdisziplinären Konstellationen zu denken, Aushandlungsprozesse zu moderieren und mit Unsicherheit umzugehen. Dass sich der Qualifizierungsbedarf von der reinen Fachebene hin zusogenannten Future Skills verschiebt, haben wir in zahlreichen weiteren Austauschprozessen ermittelt und auf dieser Erkenntnis basierend eine sogenannte transFORMbar entwickelt. Es ist ein Modell entstanden, das zentrale Zukunftskompetenzen ausgehend von einer zukunftsorientierten Haltung sichtbar macht.
Auch technologische Entwicklungen, insbesondere KI-gestützte Automatisierung, transformierenBerufsbilder schneller als zum Zeitpunkt des Projektstarts absehbar. An der Schnittstelle von Fachexpertise und KI-Anwendung verändern sich bzw. entstehen zahlreiche neue Tätigkeitsprofile, die wir in all unseren Programmlinien gezielt aufgenommen haben.
Weitere Rückmeldungen gewinnen wir aus dem direkten Austausch mit Unternehmensvertretungen, Wirtschaftsförderungen, Bildungs- und Koordinierungsstellen sowie Verwaltungen. Auffällig ist, wie schnell sich Tätigkeitsprofile gerade im Kontext der Zusammenarbeit mit Schnittstellen zu anderen Handlungsfeldern verändern. Es wird zunehmend wichtiger, dass unterschiedliche Bereiche enger zusammenarbeiten, etwa Industrie und Energieversorgung, Stadt- und Raumentwicklung im Kontext grün-blauer und kritischer Infrastrukturen oder Verwaltung und Beteiligungspraxis.
Auch unsere Workshops zu innovativen Lehr- und Lernsettings mit Extended Reality (XR) liefern aufschlussreiche Rückmeldungen. Nicht allein zur Technologie selbst, sondern zur Frage, welche Lernformate Fach- und Führungskräfte überhaupt noch erreichen, wenn Zeit knapp und Themen komplex sind. All diese Beobachtungen und Erkenntnisse fließen in die kompetenzorientierte Entwicklung unserer Weiterbildungsformate ein.
2. Welche Zukunftsthemen, Tätigkeitsfelder und Fähigkeiten werden aus Ihrer Sicht im Rheinischen Revier künftig besonders wichtig sein?
Wir haben im Laufe unseres Projektfortschritts einige Zukunftsthemen für die Region identifiziert und herausgearbeitet. Dazu zählt etwa der Einsatz künstlicher Intelligenz und Digitalität in unterschiedlichen Unternehmenskontexten - beispielsweise für die Datenkompetenz und das Marketing oder in Verbindung mit industriellen Robotikanwendungen. Daneben sehen wir die klimaresiliente Stadt- und Raumplanung, die Revitalisierung von Flächen und Ökosystemen, nachhaltiges Bauen wie auch das energieeffiziente Prozessmanagement als bedeutende Zukunftsfelder. Aufgrund dieser thematischen Breite werden viele Tätigkeitsbereiche entlang unterschiedlicher Branchen angesprochen. Darunter fallen z. B. Fachkräfte in mittelständischen Industrieunternehmen und energieintensiven Branchen, Beschäftigte in der Supply-Chain und Logistik oder aus unterschiedlichsten Abteilungen der Versorgungsbetriebe für Energie, Abfall- und Wasserwirtschaft.
Neben diesen fachspezifischen Feldern konzipieren wir im Projekt mehrere branchenübergreifendeWeiterbildungsformate. Dazu gehören beispielsweise „Entrepreneurial Thinking“ und die damit verbundene Entwicklung innovativer Lösungsansätze, dieGestaltung von Beteiligungs- und Partizipationsprozessen, die resiliente Aufstellung der eigenen Organisation, die Entwicklung von Geschäftsmodellen oder Maßnahmen zur Stärkung der interkulturellen Zusammenarbeit.
3. Wenn Sie auf die bisherige Projektlaufzeit zurückblicken: Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit und was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Weiterbildung die Transformation der Region langfristig unterstützen kann?
Eine zentrale Erkenntnis ist, dass sich Qualifizierungsbedarfe für das Rheinische Revier nicht allein aus der Wissenschaft heraus präzise bestimmen lassen. Erst im co-kreativen Austausch mit Akteur:innen aus Wissenschaft, Praxis, Verwaltung und Zivilgesellschaft wird sichtbar, welche Kompetenzen tatsächlich im Rheinischen Revier benötigt werden. Nicht selten unterscheiden sich diese deutlich von unseren anfänglichen Annahmen und verändern die Ausrichtung von Weiterbildungen entscheidend.
Eine zweite Erkenntnis betrifft die Lernarchitektur selbst. Weiterbildung wirkt dann, wenn sie Fach-und Führungskräfte befähigt, Zukunft in ihrem jeweiligen Handlungsfeld mitzugestalten. Dafür braucht es eine gute Mischung aus wissenschaftlichen, evidenzbasierten Impulsen und der Bearbeitung eigener Fragestellungen oder Use Cases. Adressatengerechte, anwendungsorientierte Lernsettings, die durch innovative Technologien wie immersive XR-Anwendungen oder szenario- bzw. challengebasierte Lernansätze angereichert werden, erweisen sich als wirkungsvoller als klassische, primär wissensvermittelnde Formate, wieVorträge oder gar digital bereit gestellte Lernvideos.
Aus unserer Sicht reichen konzeptionelle und didaktische Antworten allein jedoch nicht aus, damit Weiterbildung im Strukturwandel wirksam werden kann. Benötigt werden ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung von Weiterbildung, insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen sowie Kommunen, bei denen Zeit, Finanzierung und Freistellung häufig die größten Hürden darstellen. Auch wirksame Kooperationen zwischen Hochschulen, Unternehmens- und Wirtschaftsverbänden, kommunalen Akteur:innen und intermediären Organisationen führen dazu, dass regionale Bedarfe schnell identifiziert und passende Formate entwickelt werden können. Durch dieses Zusammenspiel kann es gelingen, passgenau auf lokale Wirtschaftsstrukturen, Fachkräftebedarfe und Transformationsdynamiken einzugehen und gemeinsam Wissen für den Strukturwandel wirksam zu machen.
Über das Projekt
Im Projekt Qualifiziert.Vernetzt.Innovativ. Wirksam. – Weiterbilden im Rheinischen Revier (Q.V.I.W) werden Weiterbildungsformate für Fach- und Führungskräfte in der Strukturwandelregion Rheinisches Revier in insgesamt fünf Programmlinien entwickelt. Den fachlichen Kern bilden die Bereiche Energie & Industrie, Ressourcen & Agrobusiness sowie Raum & Infrastruktur. Zwei weitere Programmlinien widmen sich den Future Skills, den zukunftsrelevanten berufsübergreifenden Kompetenzfeldern sowie der Qualifizierungsformate für internationale Fachkräfte. Um die Weiterbildungsinhalte an den regionalen gesellschaftlichen Bedarfen auszurichten, erfolgt die Entwicklungsarbeit gemeinsam mit Partner:innen aus Praxis, Politik und Wissenschaft. Im Projekt stehen besonders dieFragen im Vordergrund, welche neuen Qualifikationsanforderungen entstehen werden, welche innovativen Lernkonzepte sich eignen und wie co-kreativ mit Partner:innen aus Hochschule, Forschung, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft wirksam zusammengearbeitet werden kann. Weiterführende Informationen finden Sie hier.