
Das NBR befragt regelmäßig sein Netzwerk im Rheinischen Revier zum Thema Bildung im Strukturwandel. In diesem Interview haben wir mit Danièle Hamdan, Schulleiterin am Berufskolleg Volksgartenstraße in Mönchengladbach, gesprochen, die wichtiger Teil unseres Netzwerks zur Stärkung von BNE in der Beruflichen Bildung ist.
Der Strukturwandel im Rheinischen Revier bringt sowohl ökonomische als auch ökologische und soziale Transformationen mit sich. Gibt es Fragen und Herausforderungen, die Sie sich an Ihrem Berufskolleg neu stellen hinsichtlich der eigenen Themenschwerpunkte, der Bildungsgänge
und vielleicht auch der schulischen Organisationsweise?
Der Strukturwandel trifft auf eine berufliche Bildung, die sich bereits im Wandel befindet – und verleiht dieser Entwicklung zusätzlichen Schub. Seit der Erweiterung der Standardberufsbildpositionen um „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ wird Nachhaltigkeit in den Rahmenlehrplänen verankert. Auch wir haben Bildung für nachhaltige Entwicklung als Leitperspektive in unser Leitbild aufgenommen.
In den Bildungsgängen zeigt sich das in aktualisierten didaktischen Jahresplanungen, in denen Nachhaltigkeitsaspekte passend zum jeweiligen beruflichen Kontext berücksichtigt werden.
Gleichzeitig passt sich auch unsere schulische Organisation an: Wir arbeiten in agilen, kleineren Projektteams, nutzen digitale Kommunikations- und Kollaborationstools und gestalten Lernprozesse flexibler. Denn Unterricht muss sich kontinuierlich weiterentwickeln, um junge Menschen auf eine dynamische und digital geprägte Arbeitswelt vorzubereiten. Dazu gehören auch hybride und projektorientierte Lernsettings.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit Partnern außerhalb der Schule. Wir sind in regionale Netzwerkprozesse (Anm. d. Red.: durch das Netzwerkbüro Bildung Rheinisches Revier initiiert) eingebunden, die Berufskollegs und außerschulische BNE-Akteure zusammenbringen, um realitätsnahe Lernsituationen zu entwickeln.
Zudem gewinnt die Verzahnung mit Hochschulen weiter an Bedeutung. Formate wie die studienintegrierende Ausbildung zeigen, wie sich berufliche Kompetenzen mit akademischen Qualifikationen verbinden lassen – ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung in Transformationsbranchen.
Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie aktuell für junge Menschen in Ausbildung?
Junge Menschen bewegen sich in einer sich rasant verändernden Arbeitswelt. Berufsbilder wandeln sich, Tätigkeiten werden neu strukturiert und KI hält in nahezu allen Branchen Einzug. Gleichzeitig erleben wir Fachkräfteengpässe. Fachkräftemangel und KI-gestützte Automatisierung greifen dabei unterschiedlich in den Arbeitsmarkt ein: Während die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften steigt, könnten automatisierte Prozesse zugleich bestimmte Aufgaben übernehmen. Für junge Menschen im Rheinischen Revier bedeutet das: Sie müssen sich flexibel auf neue Anforderungen einstellen, ihre Kompetenzen kontinuierlich ausbauen und aktiv gestalten, wie sie sich in einem Arbeitsmarkt positionieren, der selbst im Wandel ist.
Neben soliden fachlichen Grundlagen benötigen Auszubildende für diese Arbeitswelt ausgeprägte digitale Kompetenzen – insbesondere einen reflektierten Umgang mit KI. Hinzu kommen überfachliche Kompetenzen wie Veränderungsbereitschaft, Selbstorganisation, Lerninitiative und vernetztes, interdisziplinäres Denken – also ein unternehmerisches Mindset. Interkulturelle Kompetenz spielt ebenfalls eine zentrale Rolle: Viele Unternehmen im Rheinischen Revier sind global vernetzt und zugleich auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Die Zusammenarbeit in kulturell vielfältigen Teams gehört zum Alltag. Nicht zuletzt benötigen junge Menschen Resilienz – die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und sich in Veränderungsprozesse konstruktiv einzubringen.
Welche Chancen sehen Sie im Strukturwandel für die Berufliche Bildung in der Region? Zeichnen sich positive Entwicklungen ab oder wo sehen Sie den größten Bedarf zum Nachsteuern?
Der Strukturwandel ist eine große Chance für die berufliche Bildung. In NRW besucht rund ein Drittel aller Lernenden der Sekundarstufe II ein Berufskolleg, was diese Schulform zu einem zentralen Standortfaktor macht. Berufskollegs sind eine Bildungsdrehscheibe und leisten gerade im Strukturwandel einen wichtigen Beitrag zur sozialen Teilhabe im Revier: Sie schaffen Durchlässigkeit und stabilisieren Bildungsbiografien.
Ich begrüße es, dass sich in immer mehr Schulträgerbezirken regionale Kooperationen herausbilden, in denen Berufskollegs und Schulträger ihre Zusammenarbeit intensivieren. Gleichzeitig müssen auch Berufskollegs und Unternehmen ihre Transformationsprozesse enger verzahnen. Sowohl Nachhaltigkeitsstrategien als auch der Einsatz von KI verändern Arbeitsprozesse grundlegend – und nur im kontinuierlichen Dialog kann berufliche Bildung diese Entwicklungen zukunftsfähig aufnehmen.
Die Umsetzung am Lernort Berufskolleg ist jedoch nicht möglich ohne bedarfsgerechte räumliche, digitale und personelle Rahmenbedingungen. Berufskollegs müssen als zentrale Schnittstelle zwischen der Sekundarstufe I und einer nachhaltig und digital transformierten Arbeitswelt unterstützt werden und die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss sichtbarer werden.
Nach meiner Wahrnehmung standen in der frühen Phase der aktuellen Transformationspolitik, z. B. in Förderprogrammen, vor allem die Hochschulen im Fokus. Inzwischen wird jedoch deutlicher, dass Berufskollegs für die regionale Fachkräftesicherung genauso unverzichtbar sind.