Rückblick: „Neue Strategien für die berufliche Ausbildung in einer Modellregion...

...für nachhaltiges Wirtschaften und Arbeiten“

2. NBR-Fachkonferenz

Am 14.06.2022 richtete das Netzwerkbüro Bildung Rheinisches Revier (NBR) seine zweite Fachkonferenz mit dem Titel „Neue Strategien für die berufliche Ausbildung in einer Modellregion für nachhaltiges Wirtschaften und Arbeiten“ in der Dürener „Fabrik für Kultur und Stadtteil“ aus.

Mit der Fachkonferenz knüpft das NBR inhaltlich an seinen zuletzt veröffentlichten Themenbericht „BildungsRaum Rheinisches Revier – Berufliche Ausbildung“ an, um den darin angestoßenen Fachdiskurs fortzuführen. Auf der Fachkonferenz diskutierte ein breites Spektrum regionaler Bildungsakteur*innen bzw. Bildungsexpert*innen engagiert und konstruktiv über die Bedeutung des regionalen Strukturwandels des Rheinischen Reviers für das hiesige System der beruflichen (Aus)Bildung.

Keynotes von Prof. Dr. Detlef Buschfeld und Dr. Katarina Weßling

Nach Begrüßung durch Bernhard Hübers (NBR) und einem Grußwort von Lucia Breuer (Amtsleiterin des Dürener Amts für Schule und Bildung) leitete die Moderatorin Anke Bruns über zum Keynote-Vortrag „Schlüsselschraube oder Schraubenschlüssel – Über unterschiedliche Rollen beruflicher Bildung im regionalen Strukturwandel“ des Berufspädagogen Prof. Dr. Detlef Buschfeld (Professur für Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln & Direktor des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk der Universität zu Köln). Laut Prof. Buschfeld passte sich berufliche Ausbildung in der Vergangenheit stets spiegelbildlich dem sozialen und ökonomischen Wandel an; „neu“ sei es, die Systematik beruflicher Ausbildungsprozesse selbst als Nexus des Wandels zu verorten. Zukünftig gelte es Lernorte neuzugestalten, zu diversifizieren, noch stärkere Verknüpfungen und Kooperationen von Bildungsakteur*innen zu kreieren. Prof. Buschfeld plädiert für den Modelversuch eines genossenschaftlichen Bildungszentrums für das Rheinische Revier. Dennoch gelte nach wie vor: Berufsbildung brauche primär Kontinuität, um gesellschaftlichen Wandel mittragen zu können.

Anschließend folgte der Vortrag „(Aus-)Bildung und Region: Zum Einfluss sozialräumlicher Faktoren auf Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen junger Erwachsener“ der Soziologin Dr. Katarina Weßling (Nachwuchsgruppenleiterin „Regionale (Infra-)Struktur und Segmentationsprozesse in der Ausbildung (RISA)“, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)), der inhaltlich anschloss. Dr. Weßlings Forschungsergebnisse zeigen, dass regionalspezifische Merkmale die Wahl des einen Studienplatzes stärker beeinflussen als die Konjunkturentwicklung. Ein hochattraktives Studienangebot, das weiter entfernt ist als eine 45-minütige Fahrt mit dem ÖP(N)V, verbleibt nahezu ohne signifikanten Einfluss auf die Studienortwahl von Studierenden. Hinzu käme, dass Ausbildungsbetriebe Abiturient*innen gegenüber weniger qualifizierten Mitbewerber*innen im Konkurrenzwettkampf um Ausbildungsplätze bevorzugten. Insgesamt seien frühzeitige Berufsorientierungsangebote sinnvoll, die vorrangig das Kennenlernen und Ausüben spezifischer Tätigkeiten ermöglichten, anstatt über abstrakte Berufsprofile zu informieren. Ideal funktioniere dies anhand gleichaltriger Rollenvorbilder. Letztere führten ebenso konsequent dazu, dass mehr nicht-männliche Personen MINT-Berufe erlernten. In Regionen mit MINT-Schwerpunkt käme es häufig zu einer beruflichen Geschlechtersegregation – hier arbeiteten stets mehr nicht-weibliche Personen in MINT-Berufen und der Gender-Gap vergrößere sich. Auch Eltern seien frühzeitig mit einzubeziehen, um regionale Schranken zu senken. Beispielsweise könnten sozial benachteiligte Jugendliche so kooperativ unterstützt werden. Insgesamt seien zukünftig zeitgemäße Berufsberatungs-, Orientierungs- und Informationsangebote zentral. Regionale Akteursnetzwerke des Rheinischen Reviers könnten hier gezielt unterstützen.

Workshops

Nach einer Mittagspause wurden die begonnenen Diskussionen in drei moderierten Workshops im Kleingruppenformat fortgesetzt. Einige zentrale Diskussionsfragen waren: Welche (absehbaren) Anpassungs- und Entwicklungsbedarfe innerhalb des Systems der beruflichen (Aus)Bildung existieren? Welche Handlungsmöglichkeiten, -chancen und Gestaltungsnotwendigkeiten gibt es und welche sind leistbar? Was kann und muss hierfür von wem, wie und womit geleistet werden? Wie können all diese Ziele durch proaktive Kooperation erreicht werden? Wie kann die notwendige Veränderungsarbeit dezentralisiert geleistet werden? Wie und auf welchen Ebenen gelte es, formale Verantwortlichkeiten zu verlagern?

Abschlussdiskussion

Im von Anke Bruns moderierten Abschlussplenum wurden alle Ergebnisse zusammengetragen. Trotz der Komplexität und Multidimensionalität der inhaltlich kontroversen Ergebnisse herrschte Einvernehmlichkeit unter den Teilnehmenden hinsichtlich des massiven Handlungsbedarfs innerhalb des Sektors der beruflichen (Aus)Bildung. Deutlich wurde, dass die Sicherung gesellschaftlicher Teilhabechancen durch hervorragende regionale Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten als zentrales sozialpolitisches Ziel im regionalen Strukturwandelprozess verankert werden muss. Für die versammelten Bildungsakteur*innen und Expert*innen ist es ferner von zentraler Bedeutung, dass die erzielten Ergebnisse nicht in den „Mühlen der Bürokratie versanden“, sondern an den richtigen Stellen ankommen und umgesetzt werden. Denn: Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es war.

Im Fortgang werden die umfassenden inhaltlichen Ergebnisse durch das NBR in gesammelter und aufbereiteter Form an die Netzwerke der Teilnehmer*innen der Fachkonferenz sowie alle weiterhin formal zuständigen Stellen und Personen der Landesministerien und der Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ZRR) weitergereicht.

Ergebnispapier

Positionspapier